13 Routen der Industriekultur

Fäden - Farben - Wasser - Dampf

Die Geschichtswerkstatt, ein Kooperationsprojekt mit dem Bergischen Geschichtsverein e.V., Abteilung Wuppertal, hat 13 beschilderte Stadtteilrouten zur Industrie- und Sozialgeschichte der Industriestadt Wuppertal entwickelt. Die Routen knüpfen an die im Museum für Frühindustrialisierung dargestellten Themen an und zeigen exemplarisch die gewerbliche und industrielle Entwicklung der Stadt Wuppertal. Die 13 Routen zeigen ein Spektrum von der frühen Suche nach Eisenerz und der Garnbleicherei, der Stadt- und Verkehrsentwicklung im 19. Jahrhundert bis zum Wohnungsbau der 1920er Jahre und dokumentieren anhand konkreter Gebäude die Entwicklung von Gewerbe und Industrie, Wohnen und sozialen Einrichtungen. Jede Stadtteilroute greift hierbei ein besonderes Thema auf und zeigt so neben der Stadtteilgeschichte auch das Allgemeine: das Werden der Industriestadt.

Das Projekt "Geschichtswerkstatt" wurde unterstützt von der NRW-Stiftung für Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege und dem Historischen Zentrum Wuppertal.

In den Niederlassungen des Historischen Zenrums erhalten Sie gegen einen geringen Unkostenbeitrag die Routen in detaillierter, gedruckter Form.

Redaktion: Manfred Alberti, Elke Brychta, Klaus-Günther Conrads, Eberhard Droullier, Dr. Uwe Eckardt, Prof. Dr. Harald Engels, Kurt Florian, Walter Friedrichs, Margret Hahn, Rainer Hendricks, Hinrich Heyken, Ursula Hüsgen, Günter Konrad, Dieter Kraß, Mirko Mankel Dr. Arno Mersmann, H.-Jürgen Momberger, Heinz-Werner Putzke, Reiner Rhefus, Jürgen Rottmann, Werner Zanner
Layout: Gerd Neumann, Medienzentrum Wuppertal
Kartographie: Michael Holter, Ressort 102.3, Stadt Wuppertal


01 Cronenberg

Vom Erzabbau zur Werkzeugindustrie

Schon im 9. Jahrhundert drangen Siedler aus dem Osten, wahrscheinlich auf der Suche nach Eisenerz, in das Gebiet von Cronenberg vor. Auf den Erzabbau weisen die Flurnamen "Hütte", "Schorf" und "Steinwäsche" hin. In den Hofschaften Cronenbergs wurden im 18. jahrhundert Schüppen, Hacken, Picken, Schlösser und andere Schmiedewaren gefertigt. Waren es zuerst Handschmieden, so wurde später in den Tälern die Wasserkraft zum Schmieden genutzt. Mit der Einführung der Dampfmaschine und der Elektroenergie kehrten die Werkstätten auf die Höhen Cronenbergs zurück, wo sich eine bedeutende Werkzeugindustrie entwickelte.


02 Beyenburg

Nutzung der Wasserkraft und Entwicklung des Wegenetzes

Für die Entwicklung der Industre in Beyenburg waren Wasser und Wegenetz von entscheidender Bedeutung. Westlich des eigentlichen Ortes gab es die bereits 1336 urkundlich erwähnte Wupperbrücke, die als Zollbrücke Teil der alten Hansestraße von Köln nach Dortmund war. Wasserkraft zur Energiegewinnung führte im frühen 19. Jahrhundert zur ersten Ansiedlung von Industriebetrieben. Die meisten Unternehmen waren in der Textilindustrie tätig, die ebenso wie eine Brauerei und zwei Brennereien das durch Quellen und Bäche leicht zugängliche Wasser nutzten.


03 Heckinghausen-Öhde

Vom Bleichen zur Kunstseide

An der Wupper zwischen Heckinghausen und Langerfeld haben sich bis heute viele imposante Industrieanlagen erhalten. In der Öhde stehen die ältesten Bleicherhäuser der Stadt. Färbereien, Bandfabriken und Spinnereien geben Zeugnis von der langen Entwicklung der Textilindustrie. In dem großen Spinnereigebäude der Firma J. P. Bemberg AG wurde nach 1900 an der Entwicklung halbsynthetischer Garne, der Kunstseide, gearbeitet, weltweit unter dem Namen Bembergseide bekannt. Durch die günstige Lage am Schnittpunkt alter Kohlenwege und die rasante Wirtschaftsentwicklung wurde der Bahnhof Rittershausen (heute Oberbarmen) ein früher Verkehrsknotenpunkt. In der Nähe des Bahnhofes entstanden dazu wichtige städtische Versorgungseinrichtungen wie das Gaswerk, die Badeanstalt und der Milchhof.


04 Ronsdorf

Auf den Spuren der Bandwirker

"Stadt der Bänder" wurde Ronsdorf genannt, denn diese früher selbständige Stadt ist seit ihrer Gründung mit der Bandwirkerei untrennbar verbunden. Als Elias Eller, ein Bandfabrikant aus Elberfeld, im Jahre 1737 mit seinen Anhängern auszog, um die Siedlung Ronsdorf zu gründen, waren dafür vor allem religiöse Gründe maßgeblich. Aber wirtschaftliche Belange waren kaum weniger wichtig, denn Eller war nicht nur Führer einer pietistischen Glaubensgemeinschaft, sondern auch ein wirtschaftlich denkender Kaufmann. Schon bald entwickelte sich in Ronsdorf eine bedeutende Hausbandwirkerei, zu der dann in der zweiten Hälfte des 19. jahrhunderts die ersten Bandfabriken kamen.


05 Friedrich-Ebert-Straße / Arrenberg

Prachtstraße mit Fabriken und Arbeiterviertel

1840 wurde die Königstraße, eine für Elberfelder Verhältnisse breite Allee, eröffnet. Erste Firmen siedelten sich an: Die Färberei von Wilhelm Boeddinghaus, die Weberei Grafe & Neviandt und die Küpper-Brauerei. 1844 wurde bei Boeddinghaus der erste mechanische Webstuhl in Preußen ausgestellt. Die Königstraße wurde zu einem wichtigen Zentrum für die Herstellung von Stoffen und Tuchen. Gleichzeitig wohnten hier die Fabrikanten in luxuriösen Villen in unmittelbarer Nähe ihrer Fabriken. Die Arbeiter wohnten auf der anderen Wupperseite, dem "Arrenberg". Ab 1850 entstanden dort Einrichtungen der "Armenverwaltung": ein großes Waisenhaus, ein Armenkrankenhaus mit Desinfektionsanstalt und ein Altenheim.


06 Wichlinghausen

Barmer Artikel - Spitzen, Litzen und Bänder in aller Welt

Der Stadtteil Wichlinghausen nimmt unter den Barmer Vierteln eine Sonderstellung ein, weil er lange Zeit seine ländliche Abgeschlossenheit bewahrte. Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert entstanden große und oft namhafte Bandfabriken. Hinzu kamen Flechtereien und Hersteller von maschinell gefertigten Spitzen. Wichlinghausen wurde zu einem Zentrum der Herstellung von "Barmer Artikeln", die in alle Welt geliefert wurden. Im Zweiten Weltkrieg blieb Wichlinghausen weitgehend von Schäden verschont. So sind zahlreiche Fabrikationsgebäude, die prächtigen Fabrikantenvillen am Diek und die schlichten Arbeiterhäuser der Barmer Baugesellschaft erhalten.


07 Unterbarmen

Gesellschaftliches Leben an der repräsentativen Allee

1811 - noch unter der Herrschaft Napoleons - rief der Barmer Bürgermeister dazu auf, Geld zu sammeln, um eine großzügige Allee anzulegen. Der Erfolg der Sammlung bescherte den Barmern eine Chaussee von 21 m Breite, die sich rasch zur Hauptverkehrsader und zur prächtigsten Straße des Wuppertals entwickelte. Wie in kaum einem anderen Wuppertaler Stadtbezirk besteht in Unterbarmen die Möglichkeit, über zweihundert Jahre Industrie- und Wohnkultur in großer Komplexität und Dichte zu betrachten. So finden wir Farbenfabriken und frühe Textilmaschinenfabriken, aus denen sich in einigen Fällen bedeutende Dampfmaschinenhersteller entwickelten. Wir stoßen auf einfache Wohnhäuser und Schankwirtschaften in der Nähe repräsentativer Fabrikantenvillen und vornehmer Gesellschaftshäuser. Höhepunkte der Route sind das Engels-Haus und das Museum für Frühindustrialisierung im Engelsquartier.


08 Elberfelder Nordstadt - Ölberg

Alltag und Politik im Arbeiterviertel

Im Zuge der Industrialisierung entstand im Elberfelder Norden ein Arbeiterquartier, dessen als "Ölberg" bezeichneter Teil äußerst dicht besiedelt war. Da sich ein Hausbetrieb an den anderen reihte und die Weberfamilien zur Beleuchtung ihrer oft bis in die Nachtstunden währenden Arbeit drei bis vier Petroleumlampen brauchten, trat die Nordstadt auf dem Hügel weit über der Statdt mit ihrem Lichtermeer ganz besonders hervor. Das Quartier wurde deshalb auch "Petroleumviertel" oder "Ölberg" genannt. Die Route gibt Einblicke in den Alltag des Viertels, in sein Vereins- und Kneipenleben, in Arbeitslosigkeit und Unterstützung Hilfsbedürftiger. Seit seiner Entstehung war der Ölberg eine Hochburg der Arbeiterbewegung.


09 Elberfelder Nordstadt - Ostersbaum

Sozialer Fortschritt im Spiegel sozialer und kultureller Einrichtungen

In den Jahren zwischen 1840 und 1900 wuchs die Bevölkerung Elberfelds von 40.000 auf 160.000 Einwohner an. Das 1900 eingeweihte Rathaus am Neumarkt ist "Sinnbild des kraftvollen Bürgertums", das die Geschicke der Industriestadt bestimmte. Es verweist aber auch auf die vielfältigen neuen Aufgaben, die einer Großstadt zuwuchsen. Auf dem Spaziergang durch die drei angrenzenden Quartiere trifft man auf historische Schulen, Kindergärten, ein Brausebad, ein Zufluchtshaus für "gefallene Mädchen", die Allgemeine Ortskrankenkasse, die Alte Feuerwache und andere Einrichtungen, die die Entwicklung der städtischen Infrastruktur dokumentieren.


10 Vohwinkel

Vom frühen Verkehrsknotenpunkt zur Stadtgründung

Der Stadtteil Vohwinkel war bis etwa 1850 landwirtschaftlich geprägt. Die rasante Entwicklung zur selbständigen Stadt im Jahre 1921 verdankt der Ort seiner Lage am Schnittpunkt wichtiger Verkehrswege: der alte Kohlenweg von Werden nach Solingen und die Chaussee von Düsseldorf nach Schwelm und Hagen über Haan und Hilden. Ab 1841 wurde Vohwinkel der wichtigste Eisenbahnknotenpunkt im Bergischen Land mit einem ausgedehten Güter- und Verschiebebahnhof. Die verkehrsgünstige Lage führte zur Ansiedlung einer vielfältigen Industrie mit Spinnereien, Webereien, Maschinenfabriken, Lackfabriken, Fahzeugbaubetrieben sowie Handels- und Speditionsunternehmen. Es entstanden Arbeiterviertel, aber auch Villenkolonien.


11 Langerfeld

Vom Dorf zur Stadt - Urbanisierung im Umland

Aufgrund seiner Nähe zum Wuppertal im Herzogtum Berg entstand in Langerfeld ein bedeutendes Textilgewerbe. Weltweit führend in der Spitzenfabrikation war zum Beispiel die Firma Alb. & E. Henkels. Wilhelm Hedtmann entwickelte die Spitzenklöppelmaschine, die in der Firma Henkels eingesetzt wurde und die Langerfeld zu einem Zentrum der Spitzenherstellung machte. Neben der Textilindustrie waren der Bergbau (Zeche Karl) sowie die Metall- und Flugzeugindustrie von Bedeutung. Die historische Route befasst sich auch mit der Entwicklung der Infrastruktur in der Gemeinde.


12 Zooviertel

Villenviertel vor den Toren der Stadt

Das Villenviertel am Zoo wurde 1891 als geschlossenes Konzept entworfen. Im Westen der Stadt gelegen, sorgten die vorherrschenden Westwinde für saubere Luft. Die landschaftlich reizvolle Lage am Zoologischen Garten und die Parkanlagen auf der Königshöhe steigerten die Attraktivität des Viertels als Wohnstandort vor den Toren der Elberfelder Innenstadt. Im Zooviertel lebten wohlhabende bürgerliche Familien, etwa Chemiker und Direktoren der nahegelegenen Firma Bayer oder Textilgroßhändler, unter ihnen auch viele jüdische Kaufleute. Im Viertel finden sich aufeinander folgende Baustile in hoher Qualität nahe beieinander: Historismus, Jugendstil, bergischer Heimatstil und die moderne Architektur der 1920er Jahre.


13 Sedansberg

Genossenschaft und Reform-Wohnungsbau

Der Sedansberg wurde seit den 1870er Jahren bebaut. Seitdem wurden hier viele Reformansätze im Wohnungsbau für Arbeiter verwirklicht. Bereits die frühen Wohnhäuser der von Industriellen gegründeten Barmer Bausgesellschaft für Arbeiterwohnungen waren für die damalige Zeit innovativ. Sie waren einfach gebaut, aber keine Mietskasernen. Es waren Eigenheime mit Gartengrundstücken für Arbeiterfamilien. Nach 1900 beteiligte sich die Konsumgenossenschaft "Vorwärts" mit dem Bau von komfortableren Wohnhäusern. Auch für die Versorgung des Stadtteils mit Lebensmitteln war die Konsumgenossenschaft wichtig. Der größte Teil der Bebauung auf dem Sedansberg fällt in die 1920er Jahre und orientierte sich an den damaligen Reformvorstellungen für den Arbeiterwohnungsbau: "Licht, Luft und Sonne!"

Top